Gestalterische Beweggründe und Projekteindrücke 

Im Norden des Münchner Stadtteils Schwabing bot sich mit der Nutzungsaufgabe und dem Abbruch des dortigen Metro Großmarktes und des Holiday Inn Hotels eine außergewöhnliche Chance. Die Neuentstehung eines unverwechselbaren Stadtquartiers entlang des städtischen Boulevards der Leopoldstraße.

Die vorhandenen Motive der Ludwig- und Leopoldstraße – die Gasse, die Platzfolge und die versteckten Plätze Altschwabings – wurden in eine neue städtebauliche Struktur übersetzt. Durch das Versetzen der Gebäude entstand eine Folge von Plätzen, die sich im Wechsel zur Leopoldstraße nach Westen und zum Wohnquartier an der Berliner Straße nach Osten orientieren. Alle Stadtbausteine liegen durch die gegenseitige Verschiebung am prominenten Stadtboulevard und partizipieren gleichzeitig an dem grünen Charakter der Berliner Straße mit der begleitenden, öffentlichen Grünfläche.

Das Gefüge öffentlicher Räume lädt zum Betreten ein, die baumbestandenen Plätze strahlen als Orte des Verweilens Gastfreundschaft sowohl für Besucher als auch für Anwohner aus. Damit wird das Areal zum Bindeglied zwischen dem Englischem Garten und dem Schwabinger Krankenhaus und entwickelt sich zum neuen Zentrum Nordschwabings.

Durch die horizontale Schichtung von Nutzungen in den Stadtbausteinen wird eine besondere Qualität und städtischer Charme ermöglicht. Es befinden sich mit Gastronomie, Einzelhandel, Dienstleistungen und Foyers fast ausnahmslos öffentliche Nutzungen in den mit sechs Metern Höhe großzügig gestalteten Erdgeschossen. Es folgen drei Geschosse mit Büronutzungen, darüber die Quartierswohnungen. Die Haltestelle der Trambahnlinie 23 auf dem zentralen Quartiersplatz stellt die zentrale Anbindung an das Öffentliche Nahverkehrssystems München her. Zudem befinden sich verschiedene Bushaltestellen in unmittelbarer Nachbarschaft des Schwabinger Tors.

Bei der Gestaltung der Freiräume im neuen Stadtquartier nahmen wir Bezug auf die Geschichte Schwabings. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es hier einen pulsierenden Stadtteil mit Künstlerkneipen, Kleinkunstbühnen und Ateliers. Ausgewählte bildnerische Werke und Gedichte von Künstlern, die maßgeblich am kulturellen Leben Schwabings teil hatten, dienten uns als Inspiration für den Entwurf der neuen Lebenswelt. Wir fanden Anregungen in den Werken von Paul Klee, Wassily Kandinsky und Joachim Ringelnatz.

Inspiration zur Platzgestaltung des zentralen „Tramplatzes“ durch das Gemälde ‚Hauptweg und Nebenwege‘, Paul Klee, 1929, Öl auf Leinwand

Als einziger Platz wird der „Tramplatz“ weder im Osten noch im Westen durch Fassaden der neuen Bebauung begrenzt. Diese städtebauliche Zäsur gewährt den direkten Durchblick zwischen dem Boulevard Leopoldstraße und dem grünen Volumen der großen Platanen entlang der Berliner Straße. Die Tram 23 zweigt an dieser Stelle von der Leopoldstraße ab, hält an der neuen Haltestelle „Schwabinger Tor“ auf dem Platz und fährt dann weiter in Richtung Norden zur Parkstadt Schwabing. Parallel zu den Gleisen führt ein bedeutender Fuß- und Radweg von den nördlichen Münchner Stadterweiterungen über den Platz zur Leopoldstraße und weiter Richtung Innenstadt.

Die quirligen Bewegungsströme auf dem Platz veranlasste uns zur Gestaltung des Belags in Anlehnung an das Gemälde ‚Hauptweg und Nebenwege‘ von Paul Klee. Begleitend zu einem zentralen Hauptweg erscheinen die auf beiden Seiten vom Künstler angeordneten Farbflächen wie ein Geflecht sich überlagernder und immer neu orientierender Nebenwege.  Neben der Farbgestaltung fasziniert das bildnerische Werk durch die prägnante Flächenkomposition. Deren Ornamentik diente uns als Inspiration für die Anordnung der linearen Adern aus anthrazitfarbenem Granit als Einfassung von Belagsfeldern in drei Farbnuancen. Aus der Fußgängerperspektive lässt sich ’nur‘ eine besondere Gestaltung des Belagsteppichs ablesen, von den umgebenden Wohnungen und Büros aus ist das Motiv von oben dann im Gesamtzusammenhang ablesbar. Dabei ändert sich das Bild immer in Abhängigkeit der Betrachtungshöhe.

Inspiration zur Gestaltung des südlichen Spielplatzes durch die ‚Farbstudie – Quadrate mit konzentrischen Ringen‘, Wassily Kandinsky, 1913, Aquarell, Gouache und Kreide auf Papier

Der südliche Spielgarten im Quartier ist vielgestaltig und räumlich differenziert. Damit steht er im Gegensatz zu den ruhig und zurückhaltend gestalteten Gassen und Plätzen. Durch die rahmenden Schnitthecken in einheitlicher Höhe wirkt er von außen unaufgeregt. Das Potential für seine Besucher entfaltet sich beim Betreten und Bespielen. Inspiriert wurde unser Entwurf durch die im Münchner Lenbachhaus ausgestellte ‚Farbstudie – Quadrate mit konzentrischen Ringen‘ von Wassily Kandinsky. Das Werk drückt in besonderer Weise die neugierige und spielerische Suche des Künstlers nach Wirkung von Formen und Farben und deren Wechselwirkungen untereinander aus.

Von oben betrachtet erkennt man im Spielgarten die quadratischen Formen der Farbstudie in sechzehn Feldern, darin eingeschrieben wiederkehrend das Motiv der amorphen, kreisartigen Formen in den Sitz- und Spielelementen, Hecken und Belägen. Die Interpretation der Formen mit dreidimensionalen Elementen erzeugt mannigfaltige Raumsequenzen. Spielenden Kindern und neugierigen Besuchern bieten sich immer neu zu entdeckende Perspektiven und Blickbezüge, es gibt Orte mit Überblick aber auch des Rückzugs.

Damit eröffnet der Garten über die rein formale Ähnlichkeit mit dem Kunstwerk aus der Vogelsicht hinaus eine zusätzliche Raumerlebnisschicht für neugierige und spielerische Entdeckungen. Eine Begabung, die unbedarften Kindern noch eigen ist, die Künstler wie Wassily Kandinsky in ihrem Schaffen leben und die nicht mit dem Erwachsenwerden verloren gehen sollte.

Inspiration zur Gestaltung des Spielplatzes im öffentlichen Park durch das Gedicht ‚Das Samenkorn‘, Joachim Ringelnatz, 1883-1934

Der neue Spielplatz im öffentlichen Park ersetzt die vorherige Spielanlage mit ihren konventionellen Spielgeräten (Spielturm, Schaukel, Kletterbogen, Tischtennisplatte). Gemeinsam mit dem Büro KuKuk aus Stuttgart haben wir hier ein spannendes Konzept entwickelt. Die zerstreuten Stämme und Findlinge im Sand und der gleich einem Baum gestaltete Spielturm geben keine festgelegten Spielfunktionen vor, sondern lassen Raum für freies Bespielen. Sie gleichen einer „Schwemmlandschaft“, die nach starkem Regen im Bereich eines Vogelnestes entsteht. Jeder kann die Strukturen nach seinem Ermessen besetzen, beklettern und interpretieren.

Die Gestaltung wiederum ist angeregt durch das Gedicht ‚Das Samenkorn‘ von Joachim Ringelnatz. Der Zauber seiner Gedanken und die Analogie zur Gestaltung erschließt sich am besten in des Dichters Worten:

‚Das Samenkorn‘

Ein Samenkorn lag auf dem Rücken,

Die Amsel wollte es zerpicken.

 

Aus Mitleid hat sie es verschont

Und wurde dafür reich belohnt.

 

Das Korn, das auf der Erde lag,

Das wuchs und wuchs von Tag zu Tag.

 

Jetzt ist es schon ein hoher Baum

Und trägt ein Nest aus weichem Flaum.

 

Die Amsel hat das Nest erbaut;

Dort sitzt sie nun und zwitschert laut.

 

Joachim Ringelnatz

Robert Wenk – Landschaftsarchitekt und Mitinhaber von ver.de Landschaftsarchitektur

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